Elide Mussner

Elide Mussner
Sustainability Manager Casa Costa, Gemeinderätin Gemeinde Abtei

Was bedeutet Wahrheit für Sie?
Wahrheit ist eine erlebnis- und faktenbasierte Analyse der Dinge und der Geschehnisse, die zu einer Schlussfolgerung führen. Sie ist dynamisch.
Die eine Wahrheit gibt es nicht, auch wenn wir heute in einer Zeit leben, wo man ständig von sich behauptet „die einzige Wahrheit“ zu kennen. Wenn wir nur daran denken, dass der aktuelle Präsident der Vereinigten Staaten eine eigene Social Media Plattform gegründet hat, die Truth Social heißt, durch die er Fake News und Verschwörungstheorien verbreitet, dann gibt das schon zu denken. Oder aber das Wort des Jahres 2016: Postfaktisch. Also die Übermacht von Emotionen und persönlichen Überzeugungen gegenüber den Fakten. Sozusagen: Ich brauche die Wahrheit nicht, „Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt!“, um Pippi Langstrumpf zu zitieren.

Welches Wort verbinden Sie ganz spontan mit der Wahrheit?
Ehrlichkeit.

Wie wichtig ist es Ihnen, die Wahrheit zu sagen, auch wenn es unangenehm sein kann?
Unglaublich wichtig. Ich kann gar nicht anders, als die Wahrheit an- und auszusprechen, das stoßt auch immer wieder auf Empörung. Wahrheit kann nämlich auch sehr disruptiv sein, aber genau das ist ihre Stärke: sie entzerrt uns aus der Komfortzone, sie rüttelt an festgefahrenen Dogmen, sie macht den Weg frei für Neues, meistens Besseres. Auch deswegen scheuen viele die Wahrheit, vor allem jene, die in Machtpositionen sind, weil sie uns nämlich zeigt, dass nichts zweifellos gefestigt ist. Mahatma Gandhi hat die Wahrheit zu seiner ethisch-politischen Theorie gemacht: Satyagraha, wortwörtlich „das Ergreifen der Wahrheit“. Ich denke oft an diesen Ausdruck. An die Wahrheit zu glauben und daran zu arbeiten, gibt mir immer wieder viel Kraft und Zuversicht.

Wie wägen Sie den Wahrheitsgehalt einer Aussage ab?
Die Wahrheit von der Unwahrheit zu unterscheiden, wird immer schwieriger. Ich finde hier bleibt die einzige Lösung an unserem kritischen Denken und an unser Allgemeinbildung zu arbeiten. Wahrheit ist viel Arbeit! 

Wo bräuchte es mehr Wahrheit?
Immer und überall. Aber vor allem im Miteinander, ob auf gesellschaftlicher, politischer oder professioneller Ebene. Wenn wir die Wahrheit nicht selbstkritisch anschauen, uns weigern sie zu sehen und zu benennen, dann schaffen wir es nicht uns zum Besseren weiterzuentwickeln. Dabei ist stete Innovation überlebensnotwendig. Wer sich nicht verändert zerbricht am Fließen der Zeit.

Welche war Ihre letzte (Not)Lüge?
Schwierig zu sagen. Eine erfundene Dringlichkeit, die eigentlich nicht so dringend war, aber mir die Gelegenheit gegeben hat mich auf Essentiellerem zu konzentrieren.

Foto: © Franziska Gilli

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