Freitag, 25. September 2020
Eurac Research Bozen

Zeit ist Jetzt

Nie hatten wir so viel Zeit. In den letzten 100 Jahren hat sich die Lebenserwartung verdoppelt. Gleichzeitig arbeiten wir durchschnittlich nur halb so viel. Der Trend wird sich fortsetzen. Trotzdem klagt jeder über Zeitknappheit, ganz nach dem Motto „Ich habe keine Zeit!“. Was ist eigentlich die Zeit? Wie gehen wir mit ihr um? Ist die 4-Tage-Woche Utopie oder ein Modell für die Zukunft Südtirols?

Beim 12. Global Forum Südtirol (GFS) zum Thema „Zeit ist Geld – kollektives Burnout oder Paradigmenwechsel?“ im ausgebuchten Auditorium der Eurac Research in Bozen gingen internationale Experten zusammen mit mehr als 160 anwesenden Teilnehmern diesen Fragen auf den Grund.

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Ein Virus, das keine Uhr-Zeiten kennt, zeigt uns gerade auf, wie fragil unsere postmoderne Tempokultur ist. Mit der Erfindung der mechanischen Uhr und spätestens seit der industriellen Revolution wird unser Leben nicht mehr vom Rhythmus der Natur-Zeit, sondern vom Takt der Uhr-Zeit bestimmt. Die Zeit wurde plötzlich mit einem neuen Kriterium besetzt und verrechnet: Geld. Seither wird auch nicht mehr zwischen Uhr und Zeit unterschieden. Unser Leben ist auf die Minute durchgetaktet: Schlaf, Arbeit, Essen und Freizeit.

Wir sind besonders erfreut und dankbar, dass das Forum auch in diesem Jahr stattgefunden hat. Die Kraft und Motivation wurde uns von all jenen Personen und Unternehmern übertragen, die uns aufgezeigt haben, wie man auch in diesen Zeiten mit Innovation und Kreativität sich der Zeit stellen kann. Die Zeit ist reifer denn je für neue bis gestern utopisch erscheinende Zukunftsbilder, denn Fortschritt ist die Verwirklichung von Utopien. Einige davon wurden binnen weniger Wochen Wirklichkeit, auch in Südtirol: vom Digitalisierungsschub bis hin zur Renaissance regionaler Kreisläufe. Darauf gilt es aufzubauen. Es ist Zeit für das Jetzt, für die Zukunft.

Unter dem Titel „Time is honey – Vom klugen Umgang mit der Zeit“ hat der Münchner Zeitforscher Jonas Geissler das 12. GFS eröffnet und uns auf eine spannende Zeit-Reise mitgenommen. Im Anschluss folgte der Impulsvortrag des Extrembergsteigers Simon Gietl. Unter dem Titel „So viele Berge, so ein Glück – Leben im Rhythmus der Natur“ hat er uns aufzeiget, wie wichtig es ist - nicht nur in Extremsituationen - nach dem Rhythmus der Natur anstatt dem Takt der Uhr zu leben. Der zweiten Teil der Veranstaltung wurde vom Hotelier und Naturmensch Michil Costa eröffnet. Unter dem Titel "The Times They Are a-Changin’ – Tempo. Tourismus. Achilles Intuition und die Geduld Odysseus" hat er uns wichtige Impulse zur Bedeutung des "sich-Zeit-Nehmens" im Unternehmen, aber auch im Umgang mit der Natur gegeben. Abschließend haben das neuseeländische Unternehmerpaar und Erfinder der 4-Day-Week-Bewegung, Charlotte Lockhart & Andrew Barnes, unter dem Titel "The 4 Day Week – The benefit of a productivity focused and reduced hour workplace" erläutert, wie man trotz Reduzierung der Arbeitszeit und bei gleichbleibenden Lohn die Zufriedenheit und Produktivität am Arbeitsplatz erhöhen kann.

Die Veranstaltung wurde durch einen Impuls von Giacomo Fornari (Direktor) sowie Enzo Weber (Pianist) der Musikhochschule Monteverdi umrahmt, sowie von der Sängerin Simona Bondanza. Das 12. GFS wurde von Dorotea Mader moderiert.