Marianna Obrist

Marianna Obrist
Professor of Multisensory Interfaces, University College London (UCL)

Was bedeutet Neugier für Sie?
Neugier beginnt für mich dort, wo etwas nicht ganz so ist, wie es auf den
ersten Blick scheint. Dann möchte ich verstehen, wie etwas entsteht oder
funktioniert. Mich interessieren dabei nicht nur Fragen nach dem ‘warum’,
sondern vor allem danach, ‘wie’ etwas zu dem wird, was es ist. Vielleicht
hat das auch damit zu tun, dass ich in einem kleinen Bergdorf in Südtirol
aufgewachsen bin. Neugier hat mich immer wieder ermutigt, meinen Horizont
zu erweitern – bis hin zu meiner heutigen Arbeit in London.

Welches Wort verbinden Sie spontan mit Neugier? 
Ausprobieren. Neugier wird erst dann lebendig, wenn man etwas selbst erlebt.

Fällt Ihnen ein spezieller Moment ein, bei dem Neugier Ihr Leben oder Ihren Beruf besonders geprägt hat? 
Während meines Marie-Curie-Forschungsstipendiums in Newcastle habe ich
untersucht, wie Menschen auf farb- und geruchlose Proben der fünf
Grundgeschmacksrichtungen reagieren. Natürlich wollte ich die
Geschmacksproben auch selbst ausprobieren. Besonders Umami hatte ich noch
nie in seiner reinen Form erlebt. Zunächst fand ich den Geschmack eher
ungewohnt. Mit der Zeit bemerkte ich jedoch, wie sich meine Wahrnehmung
veränderte und wie stark Geschmack unsere Erfahrungen beeinflussen kann.
Aus dieser persönlichen Neugier entstand schließlich eine Forschungsfrage,
die mich bis heute begleitet: Wie können wir Geschmack als
Gestaltungsmaterial für die Interaktion zwischen Mensch und Technologie
nutzen?

Wie schafft man es, eine echte Kultur der Neugier im Unternehmen zu etablieren? 
Vor allem durch Vorleben. Wer selbst Fragen stellt, lädt andere dazu ein,
das ebenfalls zu tun. Und manchmal sollte man etwas einfach ausprobieren,
statt vorschnell zu entscheiden, dass es nicht funktionieren wird. Neugier
braucht Zeit, Offenheit und die Bereitschaft, eigene Erfahrungen zu machen,
nicht nur die Meinungen anderer zu übernehmen.

Was war die beste Frage, die Ihnen jemals gestellt wurde? 
"Warum beschäftigen Sie sich als Informatikerin mit Geruch und Geschmack?"
Weil die Frage den Kern meiner Forschung trifft. Nicht jede Forschung
beginnt mit einem Problem, das gelöst werden muss. Manchmal beginnt sie mit
der Neugier zu verstehen, warum Technologien nur einen kleinen Teil unserer
Sinneswelt ansprechen und was möglich wäre, wenn sie das nicht täten.

Was weckt im Moment privat oder beruflich Ihre Neugier? 
Mich interessiert im Moment besonders, wie viel von unserem Essverhalten
unbewusst gesteuert wird. Woher wissen wir eigentlich, dass wir satt sind?
Welche Rolle spielen unsere Sinne und welchen Einfluss haben die Menschen
um uns herum? Solche alltäglichen Fragen finde ich wissenschaftlich
unglaublich spannend, weil sie zeigen, wie komplex unser Erleben ist.
Gleichzeitig fasziniert mich die Frage, welche Rolle Technologie dabei
spielen kann, solche unsichtbaren, internen Prozesse sichtbar und besser
verständlich zu machen und wie sie uns dabei helfen kann, menschliches
Verhalten auf eine neue Weise zu erforschen.

Foto: © Ana Marques

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